SvZ 5 / November 1989
Karl Marx und Friedrich Engels waren zwei muntere Burschen, die viel zusammen geschrieben und oft zusammen gebechert haben.
Zwei Generationen von Intelligenz haben sich durch vierzig Bände hindurchbohren müssen: Die eine (in der DDR), um beider meist für die »nagende Kritik der Mäuse« geschriebene Werke für die Nachwelt in blauen Einbänden zu retten, die andere (in der BRD - nach 1968), um mit diesen Werken sich ein Verständnis davon zu erwerben, wie dem Unwesen der Herrschaft des Kapitals ein bewußtes Ende gesetzt werden könnte. Karl Marx und Friedrich Engels waren kernige Revolutionäre, von deren scharfer Analyse der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland sich anbahnenden Umwälzungen noch heute jeder etwas lernen kann, der Deutsch Geschriebenes zu lesen versteht. Karl Marx und Friedrich Engels waren bei all ihrem Treiben Kommunisten, deren erklärte Absicht es war, in jenem historischen Zeitlauf »...sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei...« zu kämpfen.
Karl Marx und Friedrich Engels waren bei aller Scharfsichtigkeit Ignoranten, denen in einem Moment der geschichtlichen Umwälzung nicht gelang, was erst die Voraussetzung bewußter menschlicher Einwirkung auf Geschichte ist: Wissenschaft und Können, Wünschen und Tun in Einklang zu bringen. Diese Aufgabe in der nebelhaften Gestalt des »Proletariats« inkarnieren zu wollen, war ein edler Versuch, zugleich jedoch eine Selbst-Aufgabe von Wissenschaft und Wissenden. Generationen von Gutwilligen und Träumern haben diese Ignoranz »geerbt«, Anmerkung für Anmerkung, Seite für Seite. Selbst ein Gorbatschow hält sich mit Sprechblasen aus Werken als Korken auf dem Wasser. Was (in Deutschland) an Erbe zu sichten ist heute, ist die jammervolle Hinterlassenschaft der »führenden Rolle der Partei« der DDR.
Und diese Partei erhält nun von der »Bourgeoisie« der Bundesrepublik eindeutige (auch hie und da erpresserische Angebote), das Kapital doch mal wiedervereinigen zu lassen, wozu gewiß Politiker unfahig und nicht mächtig sind. Das Angebot lautet aber auch: Überlaßt uns nur Euer Volk; wir werden schon dafür sorgen, daß es ihm bald so gut geht wie dem im westlichen Deutschland. Gibt`s da noch Fragen, über welche Stärke die industrielle »Bourgeoisie« in der Bundesrepublik verfügt, obwohl die Weltwirtschaft ein gigantischer Haufen wertlosen Papiers ist, zu dem partout die reproduktiven Werte fehlen?
- Manch einer feierte in diesem Jahr den 200. Geburtstag von Friedrich List. Der war Revolutionär und Unternehmer, politischer Häftling und Gründer. Marx und Engels, ihren Klassenschablonen der Gesellschaftsanalyse getreu, haben ihn zu einem »Wortführer der Bourgeoisie« erklärt, seinem Werk aber die Unterstützung verweigert, die sie ihm nach ihren veröffentlichten kommunistischen Absichten hätten geben müssen. Denn dieser Friedrich List, dessen Hauptkampf der kapitalistischen Beherrschung des Weltmarktes galt, hat nicht nur, wie Engels schrieb, »die Wünsche unserer Kapitalisten in ein System gebracht«, sondern auch eine Wissenschaft erarbeitet von der Pflanzung der Produktivkräfte, welche allein die Arbeil zu einer Tätigkeit umwälzen könnte, die aller auf dieser Erde lebenden Menschen würdig ist. Sie kannten seine Schriften, doch sie verstanden nicht deren Nutzen. Sie dachten in dieselbe Richtung, doch sie verengten die Menschheit zum Proletariat. Und weigerten sich, zur Kenntnis zu nehmen, was für Friedrich List am Anfang der politischen Ökonomie stand:
»Der jetzige Zustand der Nationen ist eine Folge der Anhäufung aller Entdeckungen, Erfindungen, Verbesserungen, Vervollkommnungen und Anstrengungen aller Generationen, die vor uns gelebt haben, sie bilden das geistige Kapital der lebendigen Menschheit, und jede Nation ist nur produktiv in dem Verhältnis, in dem sie diese Errungenschaften früherer Generationen in sich aufzunehmen und durch eigene Erwerbungen zu vermehren gewußt hat.«
Hoffen wir, daß die herrschende Klasse der DDR vom »System der nationalen Ökonomie«Friedrich Lists so schnell lernt, daß sie die Angebote des Kapitals bewußt und produktiv annehmen und verwerten kann. Dann braucht niemand mehr dem Fetisch»Sozialismus«nachzutrauern.
David Hartstein